Was ist das Fediverse?
Eine (hoffentlich) verständliche Erklärung
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Ja, was ist eigentlich dieses „Fediverse“?
Vielleicht hat man gerade davon gelesen oder gehört. Aber es gab keine Erklärung, was das denn jetzt ist. Oder es gab eine, aber die war viel zu technisch.
Also will ich’s mal anders versuchen.
Das Fediverse löst Probleme im Web, die hingenommen werden, weil sie als unlösbar gelten.
Okay, du bist also auf Twitter. Allerdings ist Twitter inzwischen doof. Es gehört einen machtgeilen Billionär, der sich am liebsten gleich die ganze Welt kaufen und unter seine rechtsextreme Kontrolle bringen würde. Es wird von Faschisten und Neonazis überrannt, die noch weiter rechts sind als die „echten“ Nazis damals.
Aber du kommst da nicht weg. Du brauchst dein Microblogging. Du folgst da interessanten Leuten, und andere folgen dir.
Was, wenn du da doch wegkämst, ohne ganz von Twitter und Microblogging wegzugehen?
Was, wenn es noch ein Twitter gäbe?
Stellen wir uns das mal vor: Da betreibt jemand ein Alternativ-Twitter. Technisch ist es mit dem Original-Twitter ziemlich identisch. Nur der Chef ist ein anderer. Elon Musk hat hier nichts zu sagen, dem gehört nur das Original-Twitter. Auch die Community ist anders, mehr wie auf Twitter Anfang der 2010er, before xenophobe Faschos es für sich entdeckt haben.
Das wär’ doch die Lösung, dahin umzuziehen.
„Moment“, wirst du jetzt anmerken, „wenn ich auf dem anderen Twitter bin, kann ich doch gar nicht mehr denen folgen, die auf dem Original-Twitter sind. Und Leute auf dem Original-Twitter können mir auf dem anderen Twitter nicht mehr folgen.“
Doch. Kannst du, und können sie.
Das ist nämlich der Witz: Die beiden Twitter sind miteinander verbunden. Man kann auf dem einen Twitter sein und jemandem auf dem anderen Twitter folgen.
Das gibt’s auch noch mit anderen Netzwerken. Sagen wir, du bist auf Facebook und hast da viele Freunde. Facebook sammelt und verkauft aber deine privatesten Daten meistbietend und macht damit richtig viel Reibach. Das ist zwar illegal, aber der Konzern hinter Facebook ist so groß und mächtig, dem kann keine Justiz auf der Welt irgendwas.
Aber: Es gibt noch ein Facebook. Wieder ziemlich identisch zum Original, aber wieder mit einem anderen Eigentümer und Betreiber, der deine privaten Daten nicht hortet und verscherbelt und deine Posts auch nicht nach Gutsherrenart zensiert. Und du kannst wieder mit den Leuten auf dem Original-Facebook befreundet sein.
Oder ein ganz anderes Beispiel: Kennt noch jemand Google+? Das wurde doch in den 2010ern als die Facebook-Alternative überhaupt gehypet. Es gehörte zwar Google, also noch einer Datenkrake, aber hey, immerhin war es nicht Facebook! Und dann ist Google+ 2019 sang- und klanglos abgeschaltet worden.
Also sagen wir mal, du bist auf Google+. Jetzt kündigt Google an, es abzuschalten. Du und deine Leute, ihr habt aber Google+ liebgewonnen. Es ist viel besser als Facebook. Nach Facebook wollt ihr nicht zurück, nicht, weil Zuckerberg doof ist, sondern weil die ganze Software doof ist, weil die Weboberfläche doof ist und so weiter.
Aber: Jemand anders betreibt noch ein Google+. Das soll nicht abgeschaltet werden. Das soll weiterlaufen. Das wird ja nicht von Google betrieben. Und Google kann dem Admin des anderen Google+ auch nicht diktieren, ob er sein eigenes Google+ weiterbetreiben darf oder nicht. Das ist seins, damit kann er machen, was er will, und nicht, was Google will.
Problem gelöst: Dahin könnt ihr umziehen. Das originale Google+ wird abgeschaltet, aber ihr seid immer noch auf Google+ – dem anderen Google+.
A propos Google+: Damals war es ja ein ziemlicher Einschnitt, von Facebook nach Google+ umzuziehen. Man konnte ja seine Freunde nicht behalten, wenn die auf Facebook blieben. Und die blieben auf Facebook, weil auch alle ihre Freunde auf Facebook waren und deren Freunde und so weiter. Wer also nach Google+ umzog, kappte sämtliche Verbindungen zu Facebook-Freunden. Es ging einfach nicht anders.
Es ging deswegen nicht anders, weil Facebook schon immer ein Walled Garden war. Es war mit nichts anderem verbunden. Facebook-User konnten nur Facebook-User „befreunden“. Genau so ein Walled Garden war auch Google+. Auch das war mit nichts anderem verbunden.
Was, wenn auch das anders wäre?
Stell’ dir das mal vor: Du gehst von Facebook nach Google+. Und dann fügst du all deine Facebook-Freunde neu als Kontakte auf Google+ hinzu, obwohl die selbst nicht auf Google+ sind, sondern nur auf Facebook. Das heißt, du bist auf Google+ und nicht mehr auf Facebook, deine Freunde sind auf Facebook und nicht auf Google+. Und trotzdem kannst du dich mit ihnen verbinden.
Das Ganze ließe sich noch weiterspinnen.
Sagen wir, du bist ein Journalist. Und zwar einer von der guten Sorte, nicht einer von der Sorte, die einfach nur Meldungen von Presseagenturen abpinnen. Du willst Informationen möglichst aus erster Hand.
Die besten und vor allem schnellsten Informationsquellen heutzutage sind soziale Medien und soziale Netzwerke. X, Facebook, Instagram, YouTube, TikTok und so weiter. Wofür dpa, Reuters, Associated Press & Co. Stunden oder Tage brauchen, erfährst du da in Minuten.
Es ist nur eben aufwendig. Du brauchst ein Konto auf X, um mitzubekommen, was auf X los ist. Du brauchst ein Konto auf Facebook, um mitzubekommen, was auf Facebook los ist. Du brauchst ein Konto auf Instagram, um mitzubekommen, was auf Instagram los ist. Und so weiter und so fort.
Wäre es nicht sehr viel einfacher, alles von einem Konto aus mitzubekommen? Nicht mal nur in einer Smartphone-App, die mehrere Netzwerke unterstützt, sondern tatsächlich von einem Konto aus?
Stell’ dir vor, du bist auf X. Aber du kannst von da aus Facebook- und Instagram-Konten folgen. Du kannst YouTube-Kanäle abonnieren. Du kannst meinetwegen sogar Subreddits beitreten oder Leuten auf Tumblr folgen. Von X aus.
Oder, wenn du den ganzen Microblogging-Kram doof findest, stell’ dir vor, du kannst das alles von Facebook aus. Also auch von Facebook aus X-Konten folgen. Du loggst dich auf Facebook ein und siehst in deiner Timeline alles auf einmal, egal von woher, chronologisch geordnet. Du kannst von da aus auch interagieren und andere anschreiben, du kannst sogar z. B. YouTube-Videos kommentieren.
Und natürlich können dir auf X oder auf Facebook auch Leute überall folgen. Du bist auf Facebook, hast aber Followers auf X. Im Grunde kannst du mehrere soziale Netzwerke und soziale Medien von einem einzigen Konto aus bespielen. Du brauchst nicht mehr alles jeweils separat auf X, auf Facebook, auf Instagram usw. zu posten. Du postest es einmal, und Leute überall bekommen es, egal, wo sie sind.
Das hätte ja auch noch einen schönen Vorteil: Wenn dir X mit seinem puristischen Microblogging zu eingeschränkt ist, kannst du von da nach Facebook gehen und dich wieder mit denselben Konten verbinden, mit denen du schon auf X verbunden warst. Egal, wo die sind.
Aber was, wenn du im Grunde weiter Microblogging willst und kein voll ausgewachsenes soziales Netzwerk wie Facebook, aber trotzdem ein paar mehr Features, mehr Zeichen oder was auch immer? Oder was, wenn du so etwas suchst wie Facebook, aber besser?
Stell’ dir vor, auch das gäbe es. Es gäbe für Microblogging eben nicht nur mehrere „Kopien“ von X. Es gäbe als soziales Netzwerk eben nicht nur mehrere „Kopien“ von Facebook. Stell’ dir vor, es gäbe da noch andere Sachen von anderen Entwicklern, die auch wieder alle untereinander verbunden sind und mit X und Facebook und Instagram und YouTube und Tumblr und Reddit und und und.
„Gut“, könnte jetzt jemand anmerken, „aber bei den ganzen Alternativ-Xen und Alternativ-Facebooks und so gehört die Software dahinter doch immer noch den Konzernen. Die können doch immer noch bestimmen, was die Admins mit der Software machen.“
Jetzt stell’ dir vor, auch dem ist nicht so.
Stell’ dir vor, auf X und Facebook und Instagram und so gehört dem jeweiligen Konzern nur jeweils eine Website – nicht aber die Software dahinter. Die wird entwickelt und gepflegt von Stiftungen und Privatpersonen.
Das ist Freie Software. Da gibt es keine Lizenzvereinbarungen, die du unterzeichnest. Keine Nutzungsbedingungen, über die irgendein Konzern dir vorschreibt, was du mit dieser Software machen darfst, und dann darfst du damit nichts anderes machen. Kein Konzern, der dich kontrolliert über Nutzungsbedingungen und einschränkt. Kein Konzern, der die Admins über Nutzungsbedingungen kontrolliert und einschränkt. Wer diese Software bezieht, kann damit so ziemlich tun und lassen, was er oder sie will.
Und das ist auch quelloffene Software. Die wird nicht von irgendeinem Konzern geheimgehalten, wie wenn sie Rüstungstechnologie wäre, ein neues High-Tech-Waffensystem oder so. Der Quellcode liegt offen. Den kann grundsätzlich jeder jederzeit einsehen. Vielleicht ist das für Otto Normalverbraucher, der gar nicht programmieren kann, von keinem direkten Nutzen. Aber es ist sehr schwierig bis unmöglich, in der Software irgendwelche Wanzen oder Hintertüren für Geheimdienste unauffindbar zu verstecken. Wenn so etwas existieren sollte, irgendjemand wird es finden.
In Kombination heißt das: Die Community kann den Quellcode nicht nur einsehen, sondern auch bearbeiten. Fähige Programmierer können beispielsweise Bugfixes entwickeln und einreichen, wenn diejenigen, die so eine Software pflegen, selbst nicht dazu kommen.
Man kann sogar den ganzen Quellcode nehmen, eine Kopie davon machen und auf eigene Faust weiterentwickeln. Das nennt sich dann „Abspaltung“ oder „Fork“. Damit könnte man Features einbauen, die die ursprünglichen Entwickler nicht wollen. Man könnte umstrittene Features entfernen, die die ursprünglichen Entwickler gegen den Willen großer Teile der Community durchgedrückt haben. Oder wenn die Entwickler eine Hintertür eingebaut haben, ihre Existenz leugnen und sich daher weigern, sie zu entfernen, könnte man einen Fork anlegen und da dann die Hintertür selbst ausbauen.
Das ist alles durch die freien Lizenzen abgedeckt, unter denen die Software steht. Die erlauben das.
Oder – um zu den Konzernen zurückzukehren – die Idealvorstellung: Stell’ dir vor, Großkonzerne haben in diesem Netzwerk allenfalls ein Nischendasein. Sie können blockiert werden ohne große Verluste. Sie kommen eigentlich gar nicht vor.
Das klingt wie eine Utopie. Und doch ist es schon lange Realität. Denn genau das ist das Fediverse.
Das Fediverse ist gewaltig. Es gibt nicht nur zwei von jeder Sorte. Es gibt über 150 Anwendungen für die verschiedensten Zwecke. Es gibt über 45.000 einzelne Server, also Websites, auf denen diese Anwendungen laufen. Und die können sich untereinander verbinden, weil diese über 150 Anwendungen dieselbe Sprache sprechen: ActivityPub.
Am bekanntesten von all diesen Anwendungen ist Mastodon, das seit 2016 existiert und 2022 als Twitter-Alternative für Furore sorgte, als viele vor Elon Musk flohen. Mastodon hat nach wie vor die meisten registrierten Konten und die meisten aktiven Konten; diese verteilen sich über ungefähr 9000 unabhängige Server.
Im Microbloggingsektor – im weitesten Sinne – ist Mastodon aber mitnichten allein. Es gibt beispielsweise auch Sharkey, das auf das japanische Misskey zurückgeht, oder den wie Mastodon in Deutschland entwickelten Pleroma-Fork Akkoma. Beide sind weniger puristisch, aber dadurch besser ausgestattet als Mastodon. Nebenher geht der Trend zu selbstgehosteten Minimalanwendungen ohne eigene Benutzeroberfläche wie GoToSocial oder snac.
Auch sehr bekannt ist Pixelfed, das Instagram sehr ähnlich ist. Eine Besonderheit ist hier die Möglichkeit, ganze Instagram-Konten voller Bildposts nach Pixelfed zu importieren, was den Umstieg bedeutend leichter macht.
Den Bereich der klassischen sozialen Netzwerke im Stil von Facebook deckt vornehmlich eine Familie ab, die schon seit 2010 in Entwicklung ist. Damals ging als erstes eine Anwendung an den Start, die heute als Friendica bekannt ist. Es versuchte nie, Facebook 1:1 zu klonen. Statt dessen bietet es einerseits immer noch alles, was ein gutes soziales Netzwerk braucht, und andererseits eine vollwertige Bloggingumgebung und einige andere Goodies. Teil des Friendica-Konzepts war auch immer, sich in viele andere Richtungen verbinden zu können. So kann man sich heute noch außer über das Fediverse auch nach diaspora* verbinden, das ebenfalls 2010 durch seine Crowdfunding-Kampagne als „Facebook-Killer“ von sich reden machte. Daneben kann man ein existierendes Bluesky-Konto einbinden und mitbedienen, sich über E-Mail „föderieren“ oder beispielsweise auch zu einem WordPress-Blog crossposten. Auch Friendica wird seit 2011 in Deutschland weiterentwickelt.
Bis 2015 entwickelte sich daraus Hubzilla, die mächtigste Anwendung im Fediverse. Hubzilla wird wegen seiner Zusatzfeatures gegenüber Friendica auch als „soziales Content Management System“ bezeichnet. Aber es bringt auch Groupware-Elemente wie einen CardDAV- und einen CalDAV-Server mit sich. Übrigens steht dieser Artikel auf Hubzilla. Ein Alleinstellungsmerkmal war lange Zeit Hubzillas Fähigkeit, einen Kanal – also die Nutzeridentität, die fast überall sonst das Konto ist – gleichzeitig auf mehreren Servern existieren zu lassen, und zwar in ständiger Synchronizität. Das soll Totalverlusten durch verschwindende Server vorbeugen.
In der Art von Reddit und Hacker News stellen sich Lemmy und Mbin dar. PieFed ist ähnlich, bietet aber auch Microblogging-Funktionalität. Es gibt sogar echte Forensoftware im Fediverse: nodeBB hat vor einigen Jahren ActivityPub-Unterstützung eingebaut.
Als direkter Ersatz für Tumblr mit seiner wechselhaften Geschichte ist Wafrn vorgesehen. Der Name ist übrigens ein Akronym und bedeutet: „We Accept Female-Representing Nipples“, eine Anspielung darauf, wie Tumblr nach der Übernahme durch Yahoo! auf züchtig und stubenrein umgebaut wurde, was zahllose User vertrieb. Wafrn wurde auch erschaffen, damit es einen Ort wie Tumblr gibt, wo genau das nicht passiert. Einzigartig auf Wafrn ist noch etwas: Es bedient gleichzeitig das Fediverse und die ATmosphere, in der sich auch Bluesky, Eurosky und W Social tummeln.
Auch klassische Blogs haben ihren Weg ins Fediverse gefunden. Das weithin bekannte WordPress kann optional ans Fediverse angebunden werden; in Ghost ist das ein Standardfeature. Wegen der schieren Anzahl einzelner Blogs führen die beiden übrigens die Statistiken im Bereich der meisten aktiven Server an. Direkt ins Fediverse geboren wurden WriteFreely und das leider aktuell nicht weiterentwickelte Plume.
Im Multimedia-Bereich gibt es einiges: PeerTube stellt sich als Alternative zu YouTube dar und verteilt die Last beim Zustellen von Videos per Peer-to-Peer über mehrere Server. Es beherrscht auch Livestreaming wie Twitch, wofür es aber auch Owncast gibt. Funkwhale und Bandwagon sind verschiedene Herangehensweisen an das Thema Musik, während Castopod sich auf Podcasts spezialisiert. Noch in der Entwicklung, aber schon nutzbar ist Loops, das sich auf TikTok-Art auf kurze Hochkant-Videos spezialisiert.
Den Bereich der Kalender zum Planen von Events in Gruppen decken etwa Mobilizon und Gancio ab.
Sogar für GoodReads gibt es eine Fediverse-Alternative: BookWyrm.
Daneben gibt es aber auch Dinge, die nicht unbedingt eine direkte Entsprechung außerhalb des Fediverse haben. Manyfold ist spezialisiert auf 3-D-Modelle, insbesondere für den 3-D-Druck. Flohmarkt ist noch ein recht junges Projekt, bei dem es um Kleinanzeigen geht. Ganz neu und innovativ ist das Menuverse, das für Uni-Mensen entwickelt wird, um ihre Speisekarten ins Fediverse stellen zu können, die dann von woanders abonniert werden können.
Man sieht also: Das Fediverse ist bunt und vielfältig. Und es gehört der Community. Es gibt keinen Konzern, keinen Milliardär, niemanden, der über das ganze Fediverse bestimmen kann.
Vielleicht hat man gerade davon gelesen oder gehört. Aber es gab keine Erklärung, was das denn jetzt ist. Oder es gab eine, aber die war viel zu technisch.
Also will ich’s mal anders versuchen.
Das Fediverse löst Probleme im Web, die hingenommen werden, weil sie als unlösbar gelten.
Problemlösung Nr. 1: Ausweichorte
Okay, du bist also auf Twitter. Allerdings ist Twitter inzwischen doof. Es gehört einen machtgeilen Billionär, der sich am liebsten gleich die ganze Welt kaufen und unter seine rechtsextreme Kontrolle bringen würde. Es wird von Faschisten und Neonazis überrannt, die noch weiter rechts sind als die „echten“ Nazis damals.
Aber du kommst da nicht weg. Du brauchst dein Microblogging. Du folgst da interessanten Leuten, und andere folgen dir.
Was, wenn du da doch wegkämst, ohne ganz von Twitter und Microblogging wegzugehen?
Was, wenn es noch ein Twitter gäbe?
Stellen wir uns das mal vor: Da betreibt jemand ein Alternativ-Twitter. Technisch ist es mit dem Original-Twitter ziemlich identisch. Nur der Chef ist ein anderer. Elon Musk hat hier nichts zu sagen, dem gehört nur das Original-Twitter. Auch die Community ist anders, mehr wie auf Twitter Anfang der 2010er, before xenophobe Faschos es für sich entdeckt haben.
Das wär’ doch die Lösung, dahin umzuziehen.
„Moment“, wirst du jetzt anmerken, „wenn ich auf dem anderen Twitter bin, kann ich doch gar nicht mehr denen folgen, die auf dem Original-Twitter sind. Und Leute auf dem Original-Twitter können mir auf dem anderen Twitter nicht mehr folgen.“
Doch. Kannst du, und können sie.
Das ist nämlich der Witz: Die beiden Twitter sind miteinander verbunden. Man kann auf dem einen Twitter sein und jemandem auf dem anderen Twitter folgen.
Das gibt’s auch noch mit anderen Netzwerken. Sagen wir, du bist auf Facebook und hast da viele Freunde. Facebook sammelt und verkauft aber deine privatesten Daten meistbietend und macht damit richtig viel Reibach. Das ist zwar illegal, aber der Konzern hinter Facebook ist so groß und mächtig, dem kann keine Justiz auf der Welt irgendwas.
Aber: Es gibt noch ein Facebook. Wieder ziemlich identisch zum Original, aber wieder mit einem anderen Eigentümer und Betreiber, der deine privaten Daten nicht hortet und verscherbelt und deine Posts auch nicht nach Gutsherrenart zensiert. Und du kannst wieder mit den Leuten auf dem Original-Facebook befreundet sein.
Oder ein ganz anderes Beispiel: Kennt noch jemand Google+? Das wurde doch in den 2010ern als die Facebook-Alternative überhaupt gehypet. Es gehörte zwar Google, also noch einer Datenkrake, aber hey, immerhin war es nicht Facebook! Und dann ist Google+ 2019 sang- und klanglos abgeschaltet worden.
Also sagen wir mal, du bist auf Google+. Jetzt kündigt Google an, es abzuschalten. Du und deine Leute, ihr habt aber Google+ liebgewonnen. Es ist viel besser als Facebook. Nach Facebook wollt ihr nicht zurück, nicht, weil Zuckerberg doof ist, sondern weil die ganze Software doof ist, weil die Weboberfläche doof ist und so weiter.
Aber: Jemand anders betreibt noch ein Google+. Das soll nicht abgeschaltet werden. Das soll weiterlaufen. Das wird ja nicht von Google betrieben. Und Google kann dem Admin des anderen Google+ auch nicht diktieren, ob er sein eigenes Google+ weiterbetreiben darf oder nicht. Das ist seins, damit kann er machen, was er will, und nicht, was Google will.
Problem gelöst: Dahin könnt ihr umziehen. Das originale Google+ wird abgeschaltet, aber ihr seid immer noch auf Google+ – dem anderen Google+.
Problemlösung Nr. 2: Die Mauern müssen weg
A propos Google+: Damals war es ja ein ziemlicher Einschnitt, von Facebook nach Google+ umzuziehen. Man konnte ja seine Freunde nicht behalten, wenn die auf Facebook blieben. Und die blieben auf Facebook, weil auch alle ihre Freunde auf Facebook waren und deren Freunde und so weiter. Wer also nach Google+ umzog, kappte sämtliche Verbindungen zu Facebook-Freunden. Es ging einfach nicht anders.
Es ging deswegen nicht anders, weil Facebook schon immer ein Walled Garden war. Es war mit nichts anderem verbunden. Facebook-User konnten nur Facebook-User „befreunden“. Genau so ein Walled Garden war auch Google+. Auch das war mit nichts anderem verbunden.
Was, wenn auch das anders wäre?
Stell’ dir das mal vor: Du gehst von Facebook nach Google+. Und dann fügst du all deine Facebook-Freunde neu als Kontakte auf Google+ hinzu, obwohl die selbst nicht auf Google+ sind, sondern nur auf Facebook. Das heißt, du bist auf Google+ und nicht mehr auf Facebook, deine Freunde sind auf Facebook und nicht auf Google+. Und trotzdem kannst du dich mit ihnen verbinden.
Das Ganze ließe sich noch weiterspinnen.
Sagen wir, du bist ein Journalist. Und zwar einer von der guten Sorte, nicht einer von der Sorte, die einfach nur Meldungen von Presseagenturen abpinnen. Du willst Informationen möglichst aus erster Hand.
Die besten und vor allem schnellsten Informationsquellen heutzutage sind soziale Medien und soziale Netzwerke. X, Facebook, Instagram, YouTube, TikTok und so weiter. Wofür dpa, Reuters, Associated Press & Co. Stunden oder Tage brauchen, erfährst du da in Minuten.
Es ist nur eben aufwendig. Du brauchst ein Konto auf X, um mitzubekommen, was auf X los ist. Du brauchst ein Konto auf Facebook, um mitzubekommen, was auf Facebook los ist. Du brauchst ein Konto auf Instagram, um mitzubekommen, was auf Instagram los ist. Und so weiter und so fort.
Wäre es nicht sehr viel einfacher, alles von einem Konto aus mitzubekommen? Nicht mal nur in einer Smartphone-App, die mehrere Netzwerke unterstützt, sondern tatsächlich von einem Konto aus?
Stell’ dir vor, du bist auf X. Aber du kannst von da aus Facebook- und Instagram-Konten folgen. Du kannst YouTube-Kanäle abonnieren. Du kannst meinetwegen sogar Subreddits beitreten oder Leuten auf Tumblr folgen. Von X aus.
Oder, wenn du den ganzen Microblogging-Kram doof findest, stell’ dir vor, du kannst das alles von Facebook aus. Also auch von Facebook aus X-Konten folgen. Du loggst dich auf Facebook ein und siehst in deiner Timeline alles auf einmal, egal von woher, chronologisch geordnet. Du kannst von da aus auch interagieren und andere anschreiben, du kannst sogar z. B. YouTube-Videos kommentieren.
Und natürlich können dir auf X oder auf Facebook auch Leute überall folgen. Du bist auf Facebook, hast aber Followers auf X. Im Grunde kannst du mehrere soziale Netzwerke und soziale Medien von einem einzigen Konto aus bespielen. Du brauchst nicht mehr alles jeweils separat auf X, auf Facebook, auf Instagram usw. zu posten. Du postest es einmal, und Leute überall bekommen es, egal, wo sie sind.
Das hätte ja auch noch einen schönen Vorteil: Wenn dir X mit seinem puristischen Microblogging zu eingeschränkt ist, kannst du von da nach Facebook gehen und dich wieder mit denselben Konten verbinden, mit denen du schon auf X verbunden warst. Egal, wo die sind.
Problemlösung Nr. 3: Alternativen, aber nicht ganz anders
Aber was, wenn du im Grunde weiter Microblogging willst und kein voll ausgewachsenes soziales Netzwerk wie Facebook, aber trotzdem ein paar mehr Features, mehr Zeichen oder was auch immer? Oder was, wenn du so etwas suchst wie Facebook, aber besser?
Stell’ dir vor, auch das gäbe es. Es gäbe für Microblogging eben nicht nur mehrere „Kopien“ von X. Es gäbe als soziales Netzwerk eben nicht nur mehrere „Kopien“ von Facebook. Stell’ dir vor, es gäbe da noch andere Sachen von anderen Entwicklern, die auch wieder alle untereinander verbunden sind und mit X und Facebook und Instagram und YouTube und Tumblr und Reddit und und und.
Problemlösung Nr. 4: Kein Konzern, sie zu knechten
„Gut“, könnte jetzt jemand anmerken, „aber bei den ganzen Alternativ-Xen und Alternativ-Facebooks und so gehört die Software dahinter doch immer noch den Konzernen. Die können doch immer noch bestimmen, was die Admins mit der Software machen.“
Jetzt stell’ dir vor, auch dem ist nicht so.
Stell’ dir vor, auf X und Facebook und Instagram und so gehört dem jeweiligen Konzern nur jeweils eine Website – nicht aber die Software dahinter. Die wird entwickelt und gepflegt von Stiftungen und Privatpersonen.
Das ist Freie Software. Da gibt es keine Lizenzvereinbarungen, die du unterzeichnest. Keine Nutzungsbedingungen, über die irgendein Konzern dir vorschreibt, was du mit dieser Software machen darfst, und dann darfst du damit nichts anderes machen. Kein Konzern, der dich kontrolliert über Nutzungsbedingungen und einschränkt. Kein Konzern, der die Admins über Nutzungsbedingungen kontrolliert und einschränkt. Wer diese Software bezieht, kann damit so ziemlich tun und lassen, was er oder sie will.
Und das ist auch quelloffene Software. Die wird nicht von irgendeinem Konzern geheimgehalten, wie wenn sie Rüstungstechnologie wäre, ein neues High-Tech-Waffensystem oder so. Der Quellcode liegt offen. Den kann grundsätzlich jeder jederzeit einsehen. Vielleicht ist das für Otto Normalverbraucher, der gar nicht programmieren kann, von keinem direkten Nutzen. Aber es ist sehr schwierig bis unmöglich, in der Software irgendwelche Wanzen oder Hintertüren für Geheimdienste unauffindbar zu verstecken. Wenn so etwas existieren sollte, irgendjemand wird es finden.
In Kombination heißt das: Die Community kann den Quellcode nicht nur einsehen, sondern auch bearbeiten. Fähige Programmierer können beispielsweise Bugfixes entwickeln und einreichen, wenn diejenigen, die so eine Software pflegen, selbst nicht dazu kommen.
Man kann sogar den ganzen Quellcode nehmen, eine Kopie davon machen und auf eigene Faust weiterentwickeln. Das nennt sich dann „Abspaltung“ oder „Fork“. Damit könnte man Features einbauen, die die ursprünglichen Entwickler nicht wollen. Man könnte umstrittene Features entfernen, die die ursprünglichen Entwickler gegen den Willen großer Teile der Community durchgedrückt haben. Oder wenn die Entwickler eine Hintertür eingebaut haben, ihre Existenz leugnen und sich daher weigern, sie zu entfernen, könnte man einen Fork anlegen und da dann die Hintertür selbst ausbauen.
Das ist alles durch die freien Lizenzen abgedeckt, unter denen die Software steht. Die erlauben das.
Oder – um zu den Konzernen zurückzukehren – die Idealvorstellung: Stell’ dir vor, Großkonzerne haben in diesem Netzwerk allenfalls ein Nischendasein. Sie können blockiert werden ohne große Verluste. Sie kommen eigentlich gar nicht vor.
Der Problemlöser: das Fediverse
Das klingt wie eine Utopie. Und doch ist es schon lange Realität. Denn genau das ist das Fediverse.
Das Fediverse ist gewaltig. Es gibt nicht nur zwei von jeder Sorte. Es gibt über 150 Anwendungen für die verschiedensten Zwecke. Es gibt über 45.000 einzelne Server, also Websites, auf denen diese Anwendungen laufen. Und die können sich untereinander verbinden, weil diese über 150 Anwendungen dieselbe Sprache sprechen: ActivityPub.
Am bekanntesten von all diesen Anwendungen ist Mastodon, das seit 2016 existiert und 2022 als Twitter-Alternative für Furore sorgte, als viele vor Elon Musk flohen. Mastodon hat nach wie vor die meisten registrierten Konten und die meisten aktiven Konten; diese verteilen sich über ungefähr 9000 unabhängige Server.
Im Microbloggingsektor – im weitesten Sinne – ist Mastodon aber mitnichten allein. Es gibt beispielsweise auch Sharkey, das auf das japanische Misskey zurückgeht, oder den wie Mastodon in Deutschland entwickelten Pleroma-Fork Akkoma. Beide sind weniger puristisch, aber dadurch besser ausgestattet als Mastodon. Nebenher geht der Trend zu selbstgehosteten Minimalanwendungen ohne eigene Benutzeroberfläche wie GoToSocial oder snac.
Auch sehr bekannt ist Pixelfed, das Instagram sehr ähnlich ist. Eine Besonderheit ist hier die Möglichkeit, ganze Instagram-Konten voller Bildposts nach Pixelfed zu importieren, was den Umstieg bedeutend leichter macht.
Den Bereich der klassischen sozialen Netzwerke im Stil von Facebook deckt vornehmlich eine Familie ab, die schon seit 2010 in Entwicklung ist. Damals ging als erstes eine Anwendung an den Start, die heute als Friendica bekannt ist. Es versuchte nie, Facebook 1:1 zu klonen. Statt dessen bietet es einerseits immer noch alles, was ein gutes soziales Netzwerk braucht, und andererseits eine vollwertige Bloggingumgebung und einige andere Goodies. Teil des Friendica-Konzepts war auch immer, sich in viele andere Richtungen verbinden zu können. So kann man sich heute noch außer über das Fediverse auch nach diaspora* verbinden, das ebenfalls 2010 durch seine Crowdfunding-Kampagne als „Facebook-Killer“ von sich reden machte. Daneben kann man ein existierendes Bluesky-Konto einbinden und mitbedienen, sich über E-Mail „föderieren“ oder beispielsweise auch zu einem WordPress-Blog crossposten. Auch Friendica wird seit 2011 in Deutschland weiterentwickelt.
Bis 2015 entwickelte sich daraus Hubzilla, die mächtigste Anwendung im Fediverse. Hubzilla wird wegen seiner Zusatzfeatures gegenüber Friendica auch als „soziales Content Management System“ bezeichnet. Aber es bringt auch Groupware-Elemente wie einen CardDAV- und einen CalDAV-Server mit sich. Übrigens steht dieser Artikel auf Hubzilla. Ein Alleinstellungsmerkmal war lange Zeit Hubzillas Fähigkeit, einen Kanal – also die Nutzeridentität, die fast überall sonst das Konto ist – gleichzeitig auf mehreren Servern existieren zu lassen, und zwar in ständiger Synchronizität. Das soll Totalverlusten durch verschwindende Server vorbeugen.
In der Art von Reddit und Hacker News stellen sich Lemmy und Mbin dar. PieFed ist ähnlich, bietet aber auch Microblogging-Funktionalität. Es gibt sogar echte Forensoftware im Fediverse: nodeBB hat vor einigen Jahren ActivityPub-Unterstützung eingebaut.
Als direkter Ersatz für Tumblr mit seiner wechselhaften Geschichte ist Wafrn vorgesehen. Der Name ist übrigens ein Akronym und bedeutet: „We Accept Female-Representing Nipples“, eine Anspielung darauf, wie Tumblr nach der Übernahme durch Yahoo! auf züchtig und stubenrein umgebaut wurde, was zahllose User vertrieb. Wafrn wurde auch erschaffen, damit es einen Ort wie Tumblr gibt, wo genau das nicht passiert. Einzigartig auf Wafrn ist noch etwas: Es bedient gleichzeitig das Fediverse und die ATmosphere, in der sich auch Bluesky, Eurosky und W Social tummeln.
Auch klassische Blogs haben ihren Weg ins Fediverse gefunden. Das weithin bekannte WordPress kann optional ans Fediverse angebunden werden; in Ghost ist das ein Standardfeature. Wegen der schieren Anzahl einzelner Blogs führen die beiden übrigens die Statistiken im Bereich der meisten aktiven Server an. Direkt ins Fediverse geboren wurden WriteFreely und das leider aktuell nicht weiterentwickelte Plume.
Im Multimedia-Bereich gibt es einiges: PeerTube stellt sich als Alternative zu YouTube dar und verteilt die Last beim Zustellen von Videos per Peer-to-Peer über mehrere Server. Es beherrscht auch Livestreaming wie Twitch, wofür es aber auch Owncast gibt. Funkwhale und Bandwagon sind verschiedene Herangehensweisen an das Thema Musik, während Castopod sich auf Podcasts spezialisiert. Noch in der Entwicklung, aber schon nutzbar ist Loops, das sich auf TikTok-Art auf kurze Hochkant-Videos spezialisiert.
Den Bereich der Kalender zum Planen von Events in Gruppen decken etwa Mobilizon und Gancio ab.
Sogar für GoodReads gibt es eine Fediverse-Alternative: BookWyrm.
Daneben gibt es aber auch Dinge, die nicht unbedingt eine direkte Entsprechung außerhalb des Fediverse haben. Manyfold ist spezialisiert auf 3-D-Modelle, insbesondere für den 3-D-Druck. Flohmarkt ist noch ein recht junges Projekt, bei dem es um Kleinanzeigen geht. Ganz neu und innovativ ist das Menuverse, das für Uni-Mensen entwickelt wird, um ihre Speisekarten ins Fediverse stellen zu können, die dann von woanders abonniert werden können.
Man sieht also: Das Fediverse ist bunt und vielfältig. Und es gehört der Community. Es gibt keinen Konzern, keinen Milliardär, niemanden, der über das ganze Fediverse bestimmen kann.
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