Wenn Gefühle zur Überforderung werden: Umgang mit emotionalen Krisen bei BorderlineZiel dieses erweiterten Leitfadens: jedes Kapitel vertiefen, Beispiele ergänzen, Hintergründe erklären und jeweils sagen,
warum das wichtig ist. Außerdem bekommst du Checklisten, Mini-Skripte, eine Notfallkarte und ein alltagstaugliches Präventionssystem.
Einleitung – Das „kaputte Lautstärkerad“ und das Fenster der Belastbarkeit
Viele erleben Gefühle wie übersteuernde Lautsprecher. In der DBT spricht man vom „Window of Tolerance“ (Belastungsfenster): In der Mitte kannst du fühlen, denken, handeln. Außerhalb (zu viel oder zu wenig Erregung) dominieren Impuls, Erstarrung oder Overdrive.
Beispiel:Du willst nur „kurz“ eine DM beantworten, siehst nebenbei einen passiv-aggressiven Kommentar. Innerhalb von Sekunden: Herzrasen, Tunnelblick, Gedankenkette „Jetzt hassen mich alle“ → du schreibst eine zu harte Antwort, bereust es eine Minute später.
Warum das wichtig ist:Wenn du die „Physik“ deiner Emotionen verstehst (Fenster enger/weiter), akzeptierst du Krisen als
Zustand – nicht als Charakterfehler. Das senkt Scham, erhöht Wirksamkeit.
1) Was ist eine emotionale Krise bei Borderline?
Definition (praxisnah): Ein Zustand
über 7/10 Anspannung, in dem Emotionswellen rationales Denken verdrängen, Impulse stark sind und typische „Sicherheitsverhalten“ (z. B. Rückzug, Angriffe, Selbstverletzung) locken.
Neue Beispiele aus Lebensbereichen
Partnerschaft (Nähe/Distanz):Lea (29) hört „Du nervst“ →
Deutung: „Ablehnung = Verlassenwerden“ → Fight/Flight, später Leere.
Zusatzbeispiel: Partner legt beim Streit das Handy weg, um Luft zu holen.
Deutung: „Ignoriert mich absichtlich“ → Eskalation, obwohl die Absicht eigentlich Deeskalation war.
Arbeitsplatz (Leistung/Kritik):Tobias (34) hört „überarbeiten“ →
Deutung: „Totalversagen“ → Hoffnungslosigkeit, Grübeln, Schlaflosigkeit.
Zusatzbeispiel: Mail mit „Bitte zeitnah“ kommt um 17:45 Uhr.
Deutung: „Ich bin zu langsam/gefährde meinen Job“ → Panik, Fehlerquote steigt, obwohl die Deadline morgen Mittag ist.
Freundeskreis & Chat (digitale Trigger):Sophie (18) bekommt blaue Häkchen ohne Antwort →
Deutung: „Ich bin egal“ → Selbstverletzungsdruck.
Zusatzbeispiel: Gruppenchat plant ein Treffen, niemand reagiert auf Sophies Vorschlag.
Deutung: „Man will mich nicht dabei haben“ – in Wahrheit: Alle arbeiten Spätschicht.
Behörden/Ämter (Kontrollverlust):Mara (41) liest ein amtliches Schreiben → Körper reagiert wie bei Gefahr → Wutausbruch, dann Erstarrung.
Zusatzbeispiel: Anruf vom Unbekannt-Nummer –
Deutung: „Behörde/Problem“ → Flucht (nicht rangehen), später Vorwürfe an sich selbst.
Warum das wichtig ist:Benennst du
Krisenmarker (Anspannungsskala, typische Deutungen), kannst du
früher intervenieren.
2) Warum sind die Gefühle so intensiv?
2.1 Körper – die Biologie des „Falschalarm“
Stresssystem feuert (Adrenalin, Cortisol): Herzrasen, Zittern, flacher Atem, Muskeltonus.
Beispiel: Du liest „Wir müssen reden.“ → sofort kalte Hände, flacher Atem, obwohl es um etwas Banales (Urlaubsplanung) geht.
Merksatz: Körper ≠ Wahrheit. Intensität ≠ tatsächliche Gefahr.
Warum:Wenn du
Körperzeichen als
Signal, nicht Beweis interpretierst, schaffst du Abstand.
2.2 Gehirn – Alarm vs. Bremse
- Amygdala (Alarm) reagiert schneller/stärker.
- Präfrontaler Kortex (Bremse) kommt verzögert.
- Belohnungssystem stabilisiert weniger.
Beispiel: Du willst sachlich bleiben, schaffst es aber in den ersten 5 Minuten nicht –
danach geht es besser. Das passt zu „Bremse kommt später“.
Warum:Normalisiert die Erfahrung („Mein Gehirn macht Alarm – ich bin nicht ‚falsch‘“) und öffnet den Weg zu
Skills statt Selbstbeschuldigung.
2.3 Lerngeschichte – Beziehungsmuster
Unsichere/traumatische Erfahrungen lehren: „Nähe ist riskant“ oder „Ich werde verlassen“.
Fehlende
Objektkonstanz: Wenn jemand weg ist/nicht antwortet,
fühlt es sich an, als wäre die Beziehung weg.
Beispiel: Partner ist im Fitnessstudio ohne Netz. Gefühl: „Verlassen“. Fakt: 90 Minuten offline.
Warum:Dann wird klar,
warum eine SMS so wehtut – und warum
Bindungsskills zentral sind.
2.4 Kognitive Muster
- Schwarz-Weiß-Denken („alles/gar nichts“),
- Katastrophisieren („Feedback = Kündigung“),
- Personalisieren („Sie antwortet nicht wegen mir“).
Beispiel: Ein Kommentar „Das stimmt so nicht.“ →
Gedanke: „Ich bin inkompetent“ statt „Da hat jemand eine andere Quelle.“
Warum:Erkennbar machen →
Faktencheck wirkt zielgenauer.
3) Akute Notfallstrategien (Krise ≤ 20 Minuten stabilisieren)
Ziel: Schaden verhindern, Anspannung senken, Entscheidungsfähigkeit zurückholen.
Arbeite mit der DBT-Abkürzung
TIPP und weiteren Sensorik-Skills.
3.1 T – Temperaturwechsel (sicher!)
- Hände/Gesicht in kaltes Wasser (10–20 Sek.).
- Kühlpack Nacken/Handgelenke (Tuch dazwischen!).
- Beispiel: Nach einem Trigger-Chat legt Alex 20 Sek. kaltes Wasser aufs Gesicht. Puls sinkt spürbar.
Warum:Kälte triggert den Tauchreflex → Puls runter, System dämpft.
3.2 I – Intensive Bewegung (2–5 Min.)
- 30–60 Jumping Jacks, Treppen sprinten, Schattenboxen.
- Isometrie (Wand-Sitzen 30–60 Sek.).
- Beispiel: Bevor du antwortest, machst du 2 Min. schnelle Kniebeugen → Antworten werden ruhiger.
Warum:Adrenalin abbauen
bevor es dich überrollt.
3.3 P – Paced Breathing (geführte Atmung)
- 4–6 ein, 6–8 aus; oder Box-Breath 4–4–4–4 (2–3 Min.).
- Beispiel: Timer auf 180 Sek., Blick auf Fenstersprosse → Herzfrequenz runter, Kopf klarer.
Warum:Ausatmen aktiviert Vagusnerv → Beruhigung.
3.4 P – Progressive Muskelentspannung (PMR light)
- Fäuste 7 Sek. anspannen, 10 Sek. lösen – 3 Runden.
- Schultern/Beine ebenso.
- Beispiel: Im Bus unauffällig Zehen anspannen/lösen → sinkende Anspannung ohne Aufmerksamkeit zu ziehen.
Warum:Somatische Entladung → Kopf wird klarer.
3.5 Sensorische „Anker“
- Scharf/Sauer: Chili-Bonbon, Zitronenshot (vorsichtiger Umgang!).
- Taktil: Igelball, rauer Stein, Gummiband ohne Hautschaden.
- 5-4-3-2-1: 5 sehen, 4 spüren, 3 hören, 2 riechen, 1 schmecken.
- Beispiel: In der Bahn: Fingerspitzen über Reißverschluss fahren (taktil), 5 blaue Gegenstände zählen (visuell).
Warum:Fokus nach außen, Tunnelblick unterbrechen.
3.6 Mini-Skripte für den Moment
- Nachricht an Partner:
„Ich bin bei 8/10. Ich nutze 15 Min. Skills und melde mich um 19:30.“ - Selbstsprech:
„Intensiv ≠ gefährlich. In 10 Min. entscheiden, jetzt Skill.“ - Beispiel: Du tippst die Nachricht vor jeder inhaltlichen Antwort. Ergebnis: Weniger Streit.
Warum:Konkret & zeitlich begrenzt = Sicherheit + Verbindlichkeit.
4) Vorbeugende Strategien (Alltag)
4.1 Früherkennung – dein persönlicher Triggerkompass
Führe 2 Wochen ein Gefühls-/Anspannungslog: Ereignis, Deutung, Körperzeichen, Anspannung (0–10), Skill, Wirkung.
Beispiel-Eintrag:„Mo 18:00 – Absage fürs Treffen. Deutung: ‚Ich bin egal.‘ Körper: Druck im Brustkorb. 7/10. Skill: Box-Breath 3 Min. → 5/10. Nächster Schritt: Spaziergang 10 Min.“
Warum:Muster springen ins Auge → präventiv reagieren.
4.2 PLEASE-Skills (DBT-Basispflege)
- Physical Illness behandeln (Arzttermine einhalten).
- Essen regelmäßig (3 Hauptmahlzeiten + 1–2 Snacks).
- Alcohol/Drogen meiden.
- Schlaf (konstante Zeiten, 7–9 h, kein Doomscrolling im Bett).
- Exercise (3×/Woche 20–30 Min.).
Beispiel: Seit festem Schlafritual (23–7 Uhr) sinken Morgenausbrüche von 4×/Woche auf 1×.
Warum:Biologie zuerst stabilisieren → Emotionen regulierbarer.
4.3 Kognitiv: „Faktencheck“ & Reframing
- Fragen: Beweis? Alternative Erklärungen? Außenperspektive?
- Reframing: „Feedback = Chance, nicht Urteil.“
Beispiel: „Keine Antwort“ → Akku leer, Meeting, Social-Media-Detox möglich.
Du wartest 30 Min., prüfst
drei Alternativen,
dann antwortest.
Warum:Gedanken sind Hypothesen. Prüfen senkt Dramatik.
4.4 Achtsamkeit (mikrodosiert)
- 3 bewusste Atemzüge vor jeder Antwort.
- Monotasking: Nur Zähneputzen & spüren.
- Orientierung: Raum scannen, 1 Objekt 30 Sek. betrachten.
Beispiel: Vor dem „Senden“ 3 Atemzüge – 20 % weniger Eskalationen in Chats.
Warum:Trainiert Aufmerksamkeitsmuskel – in Krisen sofort abrufbar.
4.5 Medien- & Reizhygiene
- Stille Zeiten (Push aus, „Nicht stören“ 22–8 Uhr).
- Triggerdosis senken (Hate-Feeds, Kommentarspalten).
- Chat-Regel: 2 Rückfragen vor Interpretation.
Beispiel: „Nur-Familie-und-enge-Freunde“-Filter auf dem Handy ab 20 Uhr → Schlafqualität rauf.
Warum:Weniger künstliche „Löwen im Zimmer“.
4.6 Skills-Box vorbereiten
Igelball, Pfefferminz/Chili, Duftöl, Notfallkarte, Kopfhörer (SOFORT-Playlist), kleines Kühlgel, Taschentücher.
Beispiel: Auf dem Weg zum Amt – 2× Pfefferminz, Igelball: Anspannung sinkt von 7/10 auf 5/10 vor dem Termin.
Warum:In der Krise
nicht suchen müssen = halbe Miete.

5) Angehörige: Was wirklich hilft (mit Skripten)
5.1 Sicherheit zuerst
- Akute Selbstgefährdung → 112.
- Psych. Bereitschaftsdienst/ärztlich 116 117.
Beispiel: Offene Suizidäußerung + Plan → 112, ruhig sprechen, dabeibleiben.
Warum:Grenze zwischen heftig & gefährlich ist im Sturm schwer zu erkennen.
5.2 VALIDATE–ASK–BOUNDARY–REPAIR
- Validate: „Ich sehe, wie schlimm sich das gerade anfühlt.“
- Ask: „Was hilft dir in den ersten 10 Min. am meisten?“
- Boundary: „Ich bleibe 30 Min., dann brauche ich 15 Min. Pause.“
- Repair (später): „Was hat geholfen? Was ändern wir fürs nächste Mal?“
Beispiel-Dialog:A: „Ich koche innerlich!“ – B: „Verstanden. Kälte oder Atmung zuerst?“ – A: „Kälte.“ – B: „Ich hole den Kühlpack. Ich bleibe hier. Danach kurze Pause, okay?“
Warum:Validierung senkt Alarm, Fragen aktivieren Kompetenz, Grenzen schützen Beziehung, Reparatur verstärkt Lernen.
5.3 Was NICHT hilft
- „Reiß dich zusammen“, Pathologisieren, Drohen mit Verlassen, Debatten während 9/10.
Beispiel: „Jetzt diskutieren wir das zu Ende!“ → Eskalation. Besser: „Erst TIPP, dann reden.“
Warum:Gießkanne auf Feuer. Erst beruhigen,
dann reden.
5.4 Mini-Skripte für Angehörige
- „Ich bin da. 3 ruhige Atemzüge? Ich stelle 10 Min. Timer.“
- „Kälte, Bewegung oder Musik – womit starten wir?“
- Beispiel: Partner legt Handy sichtbar weg → Signal „Ich bin präsent“.
6) Dein Notfallplan (Template)
Ampelmodell- Gelb (4–6/10): Faktencheck, Atem 4-6, kurzer Spaziergang.
Beispiel: Absage → 10 Min. Walk & 3 alternative Deutungen. - Orange (7–8/10): TIPP, Sensorik, keine großen Gespräche.
Beispiel: Erst kaltes Wasser, dann 2 Min. Kniebeugen, dann Antwort. - Rot (9–10/10): Notfallkontakte, sichere Umgebung, Begleitung.
Beispiel: Gedanken an Selbstverletzung → Begleitung anrufen, Wohnung „sichern“, 112 wenn Suizidgedanken überwiegen.
Deine Karte (ausfüllen & ins Handy/Portemonnaie):MEINE WARNZEICHEN: Herzrasen, Tunnelblick, Chat-Trigger, „alles/gar nichts“-Gedanke
ERSTE HILFE (3–10 Min.): TIPP (Kälte/Bewegung/Atmung/PMR), 5-4-3-2-1, Kopfhörer-Playlist
VERMEIDEN: Alkohol, endlose Chats, Schuldzuweisungen
KONTAKTE: ________ (Freund), ________ (Therapeut/in), 116117 (ärztlich), 0800 111 0 111 (TelefonSeelsorge), 112 (akut)
SICHERHEITSLINIE: Bei Suizidgedanken → 112 / Notaufnahme
ZEITMARKE: Ich checke mich wieder um __:__
Warum:Entscheidungen
vor der Krise treffen = bessere Entscheidungen
in der Krise.
7) Therapie & längerfristige Wege
7.1 DBT (Dialektisch-Behaviorale Therapie)
Module: Achtsamkeit, Stresstoleranz, Emotionsregulation, Zwischenmenschliches.
Praxisbeispiel: Markus (38) – 3 Jahre Skillsgruppe + Einzel: Selbstverletzung ↓ massiv, Streitkaskaden ↓, Arbeitsalltag stabiler.
Warum:DBT ist für BPS entwickelt und am besten untersucht.
7.2 Schematherapie
Arbeitet mit Modi/Anteilen (verletztes Kind, wütender Beschützer, innerer Kritiker).
Beispiel: Aylin (26) erkennt ihren „Verlassenes-Kind“-Modus bei „blaue Häkchen“ und tröstet
statt anzugreifen.
7.3 MBT/ACT/EMDR
- MBT: „Was denke/fühle ich – was der andere?“
Beispiel: Vor einer Antwort 1 Satz zur Perspektive des Gegenübers formulieren. - ACT: Werte klären und trotz Gefühlen handeln.
Beispiel: „Wert: respektvoll“ → heute keine Nacht-Diskussion. - EMDR/traumafokussiert: Bei belastenden Erinnerungen (Indikation durch Fachperson).
7.4 Medikamente (Kurznotiz)
Kein „Borderline-Medikament“. Behandelt werden
Begleiterkrankungen (Depression, Angst etc.). Ärztlich abklären.
Beispiel: SSRI bei mittelgradiger Depression kann Grundanspannung senken –
Therapie ersetzt es nicht.Warum:Erwartungen kalibrieren → bessere Entscheidungen.
8) Häufige Mythen – klar gestellt
- „Manipulation“: Meist Nothandeln unter Überflutung, kein Masterplan.
Beispiel: Drohung „Dann schicke ich alles ab!“ = Ausdruck von Panik, nicht Strategie. - „Unbehandelbar“: Falsch. Viele stabilisieren sich deutlich.
- „Gefährlich für andere“: Risiko richtet sich häufiger gegen sich selbst.
Warum:Mythen verstärken Stigma → Stigma verstärkt Krise. Fakten entlasten.
9) Hoffnung & Verlauf
Stabilisierung ist
lernbar: Krisenfrequenz ↓, Dauer ↓, Erholungszeit ↑.
Progress-Tracking – Beispiel:- April: 5 Krisen/Woche, 30 Min. bis 6/10, PLEASE-Tage 3/7
- Juli: 2 Krisen/Woche, 12 Min. bis 6/10, PLEASE-Tage 5/7
Warum:Messen macht Fortschritt sichtbar → Motivation.
10) FAQ kurz & knapp
- Wie lange dauert eine Krise? Oft 20–40 Min. Kernintensität; Skills drücken auf 10–15 Min.
Beispiel: TIPP + 5-4-3-2-1 senkt von 9/10 auf 6/10 in 12 Min. - Was, wenn Skills „nicht wirken“? Dosis/Reihenfolge checken (erst TIPP, dann kognitiv).
Beispiel: Erst kaltes Wasser, dann Atmung – danach Faktencheck. - Kann ich im Job offen sein? Selektiv, Rahmen kommunizieren.
Beispiel-Satz: „Bei Hochstress nehme ich 10 Min. Pause, dann arbeite ich fokussierter.“
11) Arbeitsblätter (sofort nutzbar)
A) Anspannungs-Skala (0–10) – persönliche Marker0–2 ruhig | 3–4 gereizt | 5–6 körperlich angespannt | 7–8 impulshaft | 9–10 Kontrollverlustnah
Beispiel-Marker: 6/10 = Nacken hart + Chat-Refresh-Drang.
B) Meine Top-5 Skills (mit Reihenfolge & Zeit):- Gesichtskälte (20 Sek.)
- Kniebeugen (2 Min.)
- Box-Breath (3 Min.)
- 5-4-3-2-1 (2 Min.)
- „Ich melde mich um :“-Nachricht (1 Min.)
C) Kommunikations-Skript (Ich-Botschaft in Krisen):„Ich bin bei __/10. Ich nutze jetzt
TIPP für __ Minuten und melde mich um
:. Bitte keine Analyse jetzt – nur Anwesenheit/ruhige Stimme.“
12) Für Paare & enge Bezugspersonen (zusätzlich)
Ritual „Debrief 10“: Abends 10 Min.:
1 Ding, das half;
1 Idee fürs nächste Mal;
Danke.
Beispiel: „Dein ‚Timer 10 Min.‘ hat mir geholfen.“
Distanz-Code: Wort „Amber“ = Pause 15 Min., Beziehung
nicht infrage.
Beispiel: Bei 8/10 sagt ihr nur „Amber“, alle wissen: jetzt Skills, danach Gespräch.
Krisenfreie Zone: Schlafzimmer bleibt analysenfrei; Konfliktgespräche tagsüber, neutraler Ort.
Beispiel: Streit wird auf 14 Uhr im Park verschoben → weniger Eskalation.
Warum:Klare, wiederholbare Regeln nehmen Eskalation die Bühne.
13) Recht & Sicherheit (DE)
- Akut: 112.
- Ärztlicher Bereitschaftsdienst: 116 117.
- TelefonSeelsorge: 0800 111 0 111 / 0800 111 0 222 / 116 123 (kostenfrei, 24/7).
- Krisendienste: regional (z. B. „Krisendienst Psychiatrie“ je Bundesland).
- Online/Chat: TelefonSeelsorge-Chat & Mailberatung (terminierbar).
Beispiel: Nummern stehen auf deiner Notfallkarte im Handy-Sperrbildschirm.
Warum:Hinterlegt = schneller Zugriff, weniger Hürden.
Schlusswort
Starke Gefühle sind real – und
regulierbar. Mit Biologie-Know-how, Skills in
richtiger Reihenfolge und klaren Absprachen schrumpft der Sturm. Du musst ihn nicht lieben. Du kannst lernen,
ihn zu surfen.
Bonus: „SOFORT-Plan“ (einseitig, zum Ausdrucken)
- Check: Anspannung __/10, Körperzeichen: ____
- TIPP: Kälte 20 Sek. → 2 Min. Bewegung → Atmen 3 Min. → PMR 1 Min.
- Anker: 5-4-3-2-1 + Igelball
- Kommunikation: „Ich melde mich um :.“
- Verboten: Alkohol, Chat-Diskussion, Selbstbeschuldigung
- Wenn >9/10 oder Suizidgedanken: 112 / 116 117 / 0800 111 0 111
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Glossar: Wichtige Begriffe aus dem Artikel
Anspannungsskala (0–10)Ein Werkzeug, um die Intensität von Gefühlen messbar zu machen. 0 = völlige Ruhe, 10 = maximale Überforderung/Kontrollverlust. Hilft, den eigenen Zustand besser einzuschätzen und passende Skills auszuwählen.
AmygdalaEin Bereich im Gehirn, der für die Verarbeitung von Angst und Alarm zuständig ist. Bei Borderline reagiert er oft besonders stark, was Gefühle intensiver erscheinen lässt.
BelohnungssystemTeil des Gehirns, das für Motivation und Wohlbefinden zuständig ist. Bei Borderline kann es instabil reagieren, wodurch Gefühle weniger leicht „abgefedert“ werden.
DBT (Dialektisch-Behaviorale Therapie)Spezielle Therapieform für Borderline. Vermittelt praktische Fertigkeiten („Skills“) in den Bereichen Achtsamkeit, Emotionsregulation, Stresstoleranz und zwischenmenschliche Fähigkeiten.
DissoziationEin Zustand, in dem man sich „wie weggetreten“ fühlt oder die Umgebung unwirklich erscheint. Kommt bei starker Überlastung häufig vor.
FaktencheckEine kognitive Technik: Überprüfen, ob die Gedanken zur Situation wirklich stimmen. Beispiel: „Er antwortet nicht → er verlässt mich.“ → Faktencheck: „Vielleicht Akku leer.“
Fight/Flight/FreezeDie drei klassischen Stressreaktionen: Kämpfen (Fight), Flüchten (Flight) oder Erstarren (Freeze). Bei Borderline können kleine Auslöser diese Reaktionen stark aktivieren.
Krise (emotional)Ein Zustand, in dem Gefühle so stark sind, dass rationales Denken kaum mehr möglich ist. Typisch sind Panik, Wut, Verzweiflung oder Leere.
NotfallkarteEin schriftlicher Plan für Krisen, in dem Frühwarnzeichen, erste Skills und Notfallkontakte stehen. Hilft, im Ernstfall sofort zu handeln.
ObjektkonstanzDie Fähigkeit, sich sicher zu fühlen, auch wenn eine andere Person gerade nicht erreichbar ist. Bei Borderline oft eingeschränkt, daher wirken Pausen oder Nicht-Antworten bedrohlicher.
PLEASE-SkillsEin DBT-Grundprinzip: Körperliche Basis stabil halten (Physical Illness, Eating, Alcohol, Sleep, Exercise). Damit werden Gefühle regulierbarer.
Präfrontaler KortexTeil des Gehirns, der für rationales Denken und Impulskontrolle zuständig ist. Bremst normalerweise starke Gefühle, ist bei Borderline aber oft weniger aktiv.
SkillsPraktische Techniken, die helfen, Anspannung zu regulieren oder Krisen zu überstehen. Beispiele: kaltes Wasser, kontrollierte Atmung, 5-4-3-2-1-Methode.
StresstoleranzDie Fähigkeit, schwierige Gefühle oder Situationen auszuhalten, ohne sich selbst oder anderen zu schaden. Ein wichtiges Lernziel in der DBT.
TIPP-SkillsEine DBT-Technik für akute Krisen:
- Temperaturwechsel (Kälte),
- Intensive Bewegung,
- Paced Breathing (ruhige Atmung),
- Progressive Muskelentspannung.
ValidierungEine Kommunikationsmethode: Die Gefühle des anderen ernst nehmen und anerkennen („Ich sehe, dass es dir schlecht geht“) statt sie abzuwerten.
Window of Tolerance (Belastungsfenster)Der Bereich, in dem man Gefühle spürt, aber noch handlungsfähig bleibt. Bei Borderline oft enger – man rutscht schneller in Über- oder Untererregung.
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