Frage an Radikalveganer: Setzen „100% vegane“ Produkte nicht eigentlich zwingend auch 100% perfekt vegane Transportketten und 100% perfekt vegane Produktionsmittel voraus?
Artikel ansehen
Zusammenfassung ansehen
Es gibt ja solche und solche Veganer.
Die meisten sagen: Veganismus bedeutet Verzicht auf Tierprodukte in jeglicher Form – Nahrung, Getränke, Kleidung, Kosmetik, Möbel, Fahrzeuge und Fahrzeugteile, Bücher usw.,
soweit das praktikabel ist. Man beachte die unterstrichene Einschränkung – sofern ihr die Unterstreichung sehen könnt.
Auch wenn diese Mehrzahl das gern bestreitet: Es gibt aber auch noch die Radikalen. Die den globalen absolut perfekten 100%igen Veganismus ohne Einschränkungen und ohne Kompromisse fordern, und zwar von jetzt auf sofort. Die sagen, wer irgendwo irgendwie Kompromisse macht, ist kein Veganer. Denen es nicht um das unmittelbare Tierleid geht, sondern ums Prinzip. Für die jeder, der die Verwendung von Tierprodukten jedweder Art an welcher Stelle und aus welchen Gründen auch immer rechtfertigt, legitimiert oder entschuldigt, ein Faschist und Massenmörder ist.
Besonders an letztere hätte ich eine Frage:
„Vegan“ darf sich ein Produkt bekanntlich nur nennen, wenn seine gesamte Produktionskette garantiert zu absolut 100% perfekt vegan ist.
Aber bräuchte es dann nicht auch 100% vegane Transportketten? Wohlgemerkt: Selbst das 100% vegane Fahrrad ist aktuell ziemlich unrealistisch. 100% veganer Transport ist nur möglich, wenn ein 100% vegan lebender Mensch das Transportgut mit bloßen Händen trägt und zu Fuß geht.
Bräuchte es dann nicht ebenso 100% vegane Produktionsmittel? Kann etwas als „100% vegan produziert“ gelten, wenn es zwar selbst keine Tierprodukte enthält, aber mit Maschinen und/oder Werkzeugen und/oder Hilfsstoffen hergestellt wird, die nicht vegan sind?
Allein auch daraus würden sich theoretisch fast unendlich tiefe Schleifen ergeben. Denn damit sich die Produktionsmittel „vegan“ nennen dürfen, müssen auch sie selbst und all ihre Komponenten jeweils garantiert zu 100% vegane Produktionsketten haben. Und diese Produktionsketten dürfen sich auch nur „vegan“ nennen, wenn sie und all ihre Komponenten garantiert zu 100% vegane Produktionsketten haben. Und so weiter.
„Theoretisch“ übrigens deshalb, weil diese Schleifen in der Praxis sehr schnell an einem nichtveganen Punkt enden würden. Beispiel: Gibt es garantiert 100% vollvegane Stahlwerke, in denen selbst die Hochöfen nebst Antrieben und Steuerung vegan hergestellt worden sind?
Denn:
- Beim Umformen von Metallrohlingen zu Halbzeugen, also zu Blechen, Drähten, Profilen und dergleichen, wird meistens Talg als Rohstoff benötigt. Das betrifft mitnichten nur Stahl. Ausgenommen ist eigentlich nur Schmieden, wenn das Schmiedestück nicht hinterher chemisch gekühlt wird.
- Beim Zerspanen dieser Halbzeuge, also beim Fräsen, Drehen, Bohren, Reiben, Schneiden größerer Gewinde, Honen und so weiter, braucht es Kühl- bzw. Schmiermittel. Auch diese Kühl- und Schmiermittel sind immer noch weit überwiegend auf Talgbasis. Und ohne Zerspanen in irgendeiner Form kann man heutzutage außer Stanzblechen fast nichts mehr aus Metall herstellen.
Zugegeben, beim Zerspanen von Aluminium braucht weitaus weniger bis gar nicht gekühlt oder geschmiert zu werden. Aber nicht alles, was aus Stahl hergestellt wird, kann aus Aluminium gleichwertig hergestellt werden – denn Aluminium kann man nicht wie Stahl härten. - Reifenmäntel und -schläuche werden immer noch meistens vulkanisiert unter Verwendung von Stearinsäure, die ihrerseits ebenfalls aus Tierfetten gewonnen wird. Das geht inzwischen auch auf rein pflanzlicher Basis, aber bisher gibt es kaum Hersteller, die komplett darauf umgestellt haben. Und auch wenn es vegane Lkw-Reifen gibt, setzen die allermeisten Speditionen weiter auf nichtvegane Reifen, weil die billiger sind.
Noch einmal zur Erinnerung: Eisenbahn hieße, mit Stahlrädern, deren Laufflächen mit auf Tiertalg basiertem Kühl- und Schmiermittel gedreht worden sind, auf Stahlschienen zu fahren, die mit auf Tiertalg basiertem Schmiermittel gewalzt worden sind. Und das ist erst der Anfang. Bei der Eisenbahn ist sehr viel nicht vegan.
Und auch wenn ein Lastenrad auf veganen Reifen steht, ist es immer noch disqualifiziert durch nicht vegan hergestellte Rahmenrohre und Verschraubungen, deren Gewinde unter Verwendung nicht veganer Kühl- und Schmiermittel geschnitten worden sind. - Hochreines Kupfer, das in der Elektrik und vor allem in der Elektronik zwingend notwendig ist, kann praktisch nur unter Verwendung von Glutinleim, genauer gesagt Knochenleim, elektrolytisch abgeschieden werden. Ebenso ist Knochenleim notwendig, um Kupfer eine glattere Oberfläche zu verleihen, was in dem Augenblick kritisch wird, wo bewegliche Kontakte aufeinandertreffen.
Das heißt: Kabel jeglicher Art, Steckkontakte, Schaltkontakte, Leiterbahnen in Platinen, all das ist nicht vegan. Gemäß derselben Logik, nach der man sich als Veganer sofort von allen wie auch immer aus oder mit Tierprodukten hergestellten Dingen im Haushalt zu trennen hat, hätte man eigentlich auch sämtliche elektrischen und elektronischen Geräte abzuschaffen und alle Kabel aus den Wänden zu reißen. - Wenn es geklebt ist, ist es höchstwahrscheinlich nicht vegan. Egal was. Im Bereich der Elektronik betrifft das nicht nur Handy-Displays, sondern schon integrierte Schaltkreise, die ja auch geklebt werden.
Unterm Strich bedeutet das: Eine moderne Fertigungsanlage, bei der irgendein Druckluftschlauch oder irgendeine Kabellitze oder irgendeine Kabelisolierung oder irgendein Chip oder irgendeine Schraube, die beim Bau der Anlage schon seit Jahrzehnten auf Lager gelegen hat, nicht vegan ist, wäre ebensowenig vegan wie ein Steinzeitwerkzeug, bei dem ein nachbearbeiteter Stein an einem eingekürzten Stock mittels einer Tiersehne festgezurrt ist. Was damit hergestellt wird, könnte folglich auch nicht vegan sein, völlig egal, woraus es hergestellt wird.
Noch einmal: Das Thema geht nicht so sehr an diejenigen Veganer, die auf Praktikabilität setzen. Es geht vielmehr an die Extremen, für die Praktikabilität eine faule Ausrede ist und vegan mit Kompromissen nicht vegan ist.
#
Vegan #
Veganismus