Was die Eingeborenen der Großstädte nie verstehen werden: In der Provinz wird es nie Nahverkehrsnetze wie in Metropolen geben
Immer mal wieder liest man von zumeist jungen Leuten, die die Abschaffung jeglichen motorisierten Individualverkehrs fordern. Weltweit überall und sofort.
Meine Theorie ist: Die haben alle ihr gesamtes bisheriges Leben in Großstädten verbracht. Weniger als fünf Gehminuten zur nächsten Bushaltestelle, wo auch sonntags die Busse mindestens alle zehn Minuten verkehren. Womöglich ist sogar Straßenbahn, U-Bahn oder S-Bahn ganz in der Nähe.
Sie kennen es gar nicht anders. Sie können es sich nicht anders vorstellen. Und warum nicht? Weil sie in ihrem ganzen Leben noch nie auf dem Land waren – nicht mal auch nur in einer Kreisstadt. Einfamilienhäuser kennen sie höchstens aus amerikanischen Filmen oder Serien; aus dem deutschen Real Life kennen sie nur mehrstöckige Wohnblöcke. Sie kennen nur Bevölkerungsdichten von einigen hundert oder ein paar tausend pro Quadratkilometer.
Ortschaften mit unter 100.000 Einwohnern, in denen sich ein dichtes Busnetz mit 10-Minuten-Takt nicht lohnt, kennen sie nicht. Ortschaften mit unter 10.000 Einwohnern, in denen sich überhaupt keine Stadtbusse lohnen, kennen sie auch nicht. Ortschaften, die insgesamt weniger Einwohner haben als die Straße, in der sie wohnen, und in denen sich nicht einmal eine einzelne ganztägig bediente Bushaltestelle lohnt, sind für sie endgültig unvorstellbar.
Ein zusammenhängendes Gebiet von mehreren Quadratkilometern, auf denen absolut niemand wohnt, können sie sich allenfalls als Industriegebiet oder als Flughafen vorstellen – bestenfalls als Stadtpark. Aber ein zusammenhängendes Gebiet von mehr als zehn Quadratkilometern, auf dem einerseits niemand wohnt, andererseits der Boden aber nur in Form von einigen wenigen Straßen versiegelt ist? Gibt’s so etwas in Deutschland überhaupt?
Gegenden, in denen sich kein dichter und hochvertakteter ÖPNV lohnt, sind für sie also auch komplett unvorstellbar und damit auch die Abhängigkeit der Landbevölkerung vom privaten Pkw.
Auf dem Land gibt’s beim ÖPNV drei Abstufungen. Bestenfalls fährt tagsüber eine (1) Buslinie im Stundentakt – und auch nur dann, wenn eine gewisse Anzahl an größeren Dörfern und vielleicht idealerweise sogar noch mindestens eine Kleinstadt an ein Mittelzentrum angebunden wird. Wenn man Glück hat, wird das nicht am Samstag zum Zweistundentakt und an Sonn- und Feiertagen zu Rufbussen, die man den Tag vorher zu bestellen hat. Noch eher fahren den ganzen Tag über genau drei Busse: ein Schulbus morgens zum nächsten Schulstandort, mittags und nachmittags zwei Schulbusse wieder zurück. Und auch das nur an Schultagen. Schlimmstenfalls gibt’s nicht einmal die.
Schon die beste Lösung ist für tägliche Besorgungen oft ungeeignet. Klar kommt man mit dem Bus in die Stadt, kann einkaufen und kommt dann mit dem Bus wieder nach Hause. Aber ein Stundentakt ist zu unflexibel. Wenn die Fahrzeiten ungünstig sind, wartet man ewig auf die Rückfahrt. Wenn sie günstig sind, aber der Einkauf etwas länger dauert und man den Bus um zwei Minuten verfehlt, dann wartet man nicht drei oder acht Minuten wie in der Großstadt, sondern 58 Minuten.
Außerdem müssen die Busse einer bestimmten Linie „raus aufs Land“ ja nicht an den Einkaufsmöglichkeiten halten. Als Großstädter hat man immer mal Supermärkte, Drogerien und andere Einkaufsmöglichkeiten mitten im Stadtteil. In kleineren Städten befanden die sich früher im Ortszentrum, also nicht weit von da entfernt, wo die Buslinien zusammenlaufen. Inzwischen ziehen die aber vermehrt in Gewerbegebiete „auf der grünen Wiese“, weil man da für dasselbe oder gar noch weniger Geld sehr viel mehr Ladenfläche bekommt.
Üblich sind heutzutage U-förmig angeordnete Flachdachbauten am Ortsrand. Da findet man einen Supermarktdiscounter (z. B. LIDL), einen Drogeriemarkt (z. B. Rossmann), einen Modediscounter (z. B. Ernsting's Family) und womöglich auch noch die einzige verbliebene Apotheke in der Gegend. Wenn man Glück hat, führt eine Buslinie vorbei. Wenn man viel Glück hat, gibt es in der Nähe sogar eine Bushaltestelle. Wenn man ganz viel Glück hat, gibt es sogar einen gesicherten Fußgängerüberweg, um die Haltestelle auch in der jeweiligen Gegenrichtung nutzen zu können. Aber selbst dann ist es nicht zwingend die eigene Buslinie, die da vorbeiführt.
Wer also einkaufen will, fährt erst eine ganze Weile mit dem Bus „in die Stadt“, steigt dann um in einen anderen Bus, fährt ins Gewerbegebiet, kauft ein, riskiert Kopf und Kragen beim Versuch, die Hauptverkehrsstraße, an der die Bushaltestelle liegt, zu überqueren, wartet eine Dreiviertelstunde auf den Bus in die Gegenrichtung, fährt wieder „in die Stadt“, steigt wieder um und fährt erst dann nach Hause. Derweil geht der Großstädter fünf Minuten zum nächsten EDEKA und fünf Minuten wieder zurück – auch mal spontan.
Für Großstädter liegt die Lösung auf der Hand: ein sehr viel höherer Takt. Überhaupt können sie nicht nachvollziehen, warum die Busse eigentlich so selten fahren.
Ich hatte mal eine Diskussion mit jemandem, der genau das forderte. Als Beispiel führte ich eine Verbindung in meiner alten Heimat an:
eine fiktive Buslinie auf Fehmarn von Staberhof nach Burg, im hier verlinkten Beispiel unter Mitnahme des „ZOB“ alias Niendorfer Platz, des „Bahnhofs“ und des Gewerbegebiets – in dem in der Realität übrigens genau eine einzige Bushaltestelle am Landkirchener Weg existiert, an der auch nur die Busse nach Westfehmarn und aufs Festland halten.
Derjenige war der absolut felsenfesten Ansicht, auf so einer Verbindung lohnt sich ein Zehnminutentakt. Nicht mit kleinen autonomen Elektrobussen, sondern mit ausgewachsenen Zwölf-Meter-Standardbussen. Mit Fahrer natürlich. Und natürlich sollten das die neuesten und modernsten Busse auf dem Markt sein und nicht etwa irgendwelche Schlurren, die längst abgeschrieben sind.
Ich weiß ja nicht, ob derjenige sich die Strecke vorstellte wie in einer Großstadt, also durchgängig von Blockbebauung gesäumt. Die Realität sieht allerdings drastisch anders aus: Staberhof alleine hat weniger Einwohner als jeder Wohnaltbau. Entlang der Gärtnerstraße in Hamburg-Hoheluft wohnen auf etwas über einem Kilometer mehr Menschen als in den vier ehemals geschlossenen Ortschaften entlang den über sieben Kilometern von Staberhof bis zum Burger Ortsschild zusammengenommen. Und zwischen den Ortschaften sind – Felder. Da, wo ein erheblicher Teil unseres Essens wächst, ganz besonders für Veganer.
Um das Ganze mal in Relation zu setzen: Fehmarn hat die etwa neunfache Fläche von Friedrichshain-Kreuzberg. Aber Friedrichshain-Kreuzberg hat mehr als die zwanzigfache Bevölkerung – auf weniger Fläche als die Gemeinde Bannesdorf. Und die Gemeinde Bannesdorf dürfte wenige Einwohner haben, als in F’hain alleine an der Warschauer Straße wohnen. Statistisch gesprochen leben auf derselben Fläche in Friedrichshain-Kreuzberg 20.000 Berliner – oder auf Fehmarn 100 Insulaner. Ganz Fehmarn zusammengenommen hat ein Neuntel der Einwohner nur von Berlin-Marzahn – aber umgekehrt auf etwa der neunfachen Fläche.
Um es mal in Hamburger Verhältnissen auszudrücken: Die Großwohnsiedlung Steilshoop – also, nur die Großwohnsiedlung – hat mehr als das Anderthalbfache an Einwohnern von ganz Fehmarn – auf einer Fläche, die einem einzigen normalen fehmarnschen Bauernhof nebst Feldern entspricht.
Wenn jetzt wirklich wie in einer Millionenmetropole von vier Uhr morgens bis ein Uhr nachts alle zehn Minuten ein Bus von Staberhof nach Burg fährt und einer zurück, dann werden die allermeisten Busse komplett leer fahren. Es wäre schon Glück, wenn außerhalb des Schülerverkehrs mal in einem Bus mehr als ein, zwei Fahrgäste sitzen würden.
Kein Busunternehmen würde so etwas fahren wollen. Keine Landesregierung würde so etwas finanzieren wollen. Gut, das wäre jetzt wieder Wasser auf die Mühlen der Radikalanarchisten, für die die Lösung sowohl in der Abschaffung von Bundesländern – und Regierungsbezirken und Regierungen allgemein – und von Zahlungsmitteln und Handel in jeglicher Form liegt.
Dabei bräuchte Fehmarn eigentlich ein ganzes Busnetz, jeweils alle zehn Minuten:
- Staberhuk, Marineküstenstation – Abzw. Staberhof – Staberdorf – Meeschendorf – Sahrensdorf – Burg, Innenstadt – Burg, Niendorfer Platz – Burg, Markt – Burg, Bahnhof – Burg, Landkirchener Weg – Landkirchen – Altjellingsdorf – Lemkendorf – Petersdorf – Kopendorf – Sulsdorf – Orth
- (saisonal: Katharinenhof, Campingplatz –) Katharinenhof, Dorf – Vitzdorf – Burg, Innenstadt – Burg, Niendorfer Platz – Burg, Markt – Burg, Bahnhof – Burg, Landkirchener Weg – Landkirchen – Altjellingsdorf – Lemkendorf – Petersdorf – Bojendorf – Wallnau
- Presen – Klausdorf – Gahlendorf – Vitzdorf – Burg, Innenstadt – Burg, Niendorfer Platz – Burg, Markt – Burg, Bahnhof – Burg, Landkirchener Weg – Landkirchen – Altjellingsdorf – Lemkendorf – Gollendorf – Sulsdorf – Püttsee – Flügge
- Puttgarden, Bahnhof – Puttgarden, Ort – Niendorf – Burg, Niendorfer Platz – Burg, Markt – Burg, Bahnhof – Burg, Landkirchener Weg – Landkirchen – Festland (Eilbus)
- Marienleuchte – Johannisberg – Todendorf – Bannesdorf (und zwar wirklich im Dorf) – Niendorf – Burg, Landkirchener Weg – Burg, Bahnhof – Burg, Markt – Burg, Innenstadt – Burgstaaken
- (saisonal: Grüner Brink –) Gammendorf – Vadersdorf – Bisdorf – Landkirchen – Burg, Landkirchener Weg – Burg, Bahnhof – Burg, Markt – Burg, Innenstadt – Blieschendorf – Avendorf – Strukkamp (saisonal: – Strukkamphuk)
- Vadersdorf – Hinrichsdorf – Ostermarkelsdorf – Burg, Landkirchener Weg – Burg, Bahnhof – Burg, Markt – Burg, Innenstadt – Wulfen – Fehmarnsund
- Burg, Niendorfer Platz – Burg, Markt – Burg, Bahnhof – Burg, Landkirchener Weg – Landkirchen – Altjellingsdorf – Lemkendorf – Petersdorf – Schlagsdorf – Westermarkelsdorf
- Burg, Niendorfer Platz – Burg, Markt – Burg, Bahnhof – Burg, Landkirchener Weg – Landkirchen – Altjellingsdorf – Lemkendorf – Petersdorf – Schlagsdorf – Dänschendorf – Wenkendorf – Altenteil – Belt-Camping (saisonal: – Markelsdorfer Huk)
- Burg, Niendorfer Platz – Burg, Markt – Burg, Bahnhof – Burg, Landkirchener Weg – Landkirchen – Sartjendorf – Neujellingsdorf – Lemkenhafen – Westerbergen – Albertsdorf – Strukkamp – Fehmarnsund
- Burg, Niendorfer Platz – Burg, Markt – Burg, Bahnhof – Burg, Landkirchener Weg – Landkirchen – Teschendorf – Albertsdorf (saisonal: – Gold)
- (Saisonlinie: Ferienresidenz – Staberdorf – Meeschendorf – Sahrensdorf – Burg, Innenstadt – Burg, Niendorfer Platz – Burg, Markt – Burg, Bahnhof – Burg, Landkirchener Weg – Landkirchen – Teschendorf – Westerbergen)
Damit wäre beinahe ganz Fehmarn ohne Umsteigen an Burg angebunden. Beinahe alle Fehmaraner könnten ihre Besorgungen mit öffentlichen Verkehrsmitteln erledigen, ohne umsteigen zu müssen. Ich meine, in z. B. Hamburg oder Berlin braucht man doch auch nicht umzusteigen auf dem Weg zum Supermarkt oder zum Bäcker oder zur Drogerie oder zur Apotheke oder was auch immer. Das sollte man doch wohl erwarten können. Zugegeben, in Hamburg oder Berlin oder anderen Großstädten sind die Wege bedeutend kürzer.
Einige Buslinien sind künstlich etwas verlängert, weil an sinnvolleren Endhaltestellen ein 12-Meter-Bus nicht realistisch umgedreht werden kann, jedenfalls nicht, ohne bei irgendeinem Landwirt auf den Hof zu rangieren. Wohlgemerkt: Wie heute wären dann weiterhin die Busse auf der Insel kostenlos nutzbar.
Im Sommer wären das dann alleine am Landkirchener Weg in Burg, also im Gewerbegebiet, 144 Busabfahrten pro Stunde, die meisten davon wahrscheinlich leer. Am Burger „Bahnhof“, der nur ein popeliger eingleisiger Haltepunkt ist mit kleinem Unterstand und nur einer einzigen Bordsteinkante, an der Busse halten können, wären es 146, weil der Schienenersatzverkehr zwischen Puttgarden und Lübeck dazukäme. Zum Vergleich: Der ZOB in Hamburg-Harburg hatte vor seinem Umbau 150 Abfahrten pro Stunde – in der Hauptverkehrszeit. Am Niendorfer Platz, der nur drei Busse auf einmal aufnehmen kann, würden pro Stunde 60 Busse zwischenhalten, durchschnittlich also jede Minute einer, und zusätzlich pro Stunde je 24 Busfahrten beginnen und enden.
Jeder Fehmaraner wird es mir bestätigen: Keine einzige Haltestelle in Burg kann derartig viele Busfahrten aufnehmen.
Warum müssen aber die ganzen Fehmaraner über so große Distanzen alle nach Burg geschippert werden? An dieser Stelle sei den Berlinern erklärt: Fehmarn hat auf 185 km², wenn’s hochkommt, vier „Kieze“. Burg, Bannesdorf, Landkirchen, Westfehmarn.
Einigermaßen brauchbar einkaufen kann man nur im „Burger Kiez“, und Apotheken und Drogerien gibt’s überhaupt nur da. Im „Westfehmarnschen Kiez“ gibt’s zwei Supermärkte in Petersdorf und an Campingplätzen den einen oder anderen kleinen „Supermarkt“. Der „Bannesdorfer Kiez“ hat zum Einkaufen nur Mini-Supermärkte auf Campingplätzen und den schwimmenden BorderShop in Puttgarden, wo sich normalerweise überhaupt keine Deutschen herumtreiben, sondern nur Dänen und Schweden, die aber gleich reisebusladungenweise. Und die paar Campingplatz-Miniläden im „Landkirchener Kiez“ sind alle von Landkirchen weiter entfernt als das Burger Gewerbegebiet.
Genau deswegen kaufen Fehmaraner im allgemeinen nur einmal in der Woche ein: Der Aufwand ist zu groß. Der Großstädter, der nur wenige Gehminuten zum nächsten Supermarkt hat und zur Not Kioske noch dichter dran, kann problemlos mehrmals in der Woche einkaufen und zur Not auch kurz mal eben spontan.
An Schulen hat der „Burger Kiez“ als einziger mehrere Schulen bis hin zur gymnasialen Oberstufe, der „Landkirchener Kiez“ eine winzige Grundschule und die anderen beiden „Kieze“ genau gar nichts. Bock, in Bojendorf zu wohnen? Tja, da wird man seine Kiddies jeden Tag 10 km über eine „Kiezgrenze“ nach Landkirchen schippern müssen – die ersten vier Jahre. Und wenn sie aus der Grundschule raus sind, 14 km über zwei „Kiezgrenzen“ nach Burg. Übrigens: Das Inselgymnasium als Vorgänger der Inselschule war von extrem seltenen Ausnahmen abgesehen zweizügig. Jede Oberstufe wurde zur Zitterpartie, weil es immer ein Riesenakt war, auch nur fünf Leistungskurse zusammenzubekommen. Und das Inselgymnasium hatte einen Einzugsbereich bis nach Heiligenhafen. Das ist, wie wenn ein Gymnasium in Hamburg auf St. Pauli ein Einzugsgebiet bis nach Wedel hätte.
Warum gibt’s nicht mehr Schulen auf Fehmarn, damit man kürzere Wege hat? Tja, wo sollen die Kids für mehr Schulen herkommen? Warum hat Landkirchen nur eine klitzekleine, zweistöckige, meines Wissens sogar nur einzügige Grundschule – und keinen sechszügigen Riesenklotz mit Mehrfeldsporthalle und daneben eine noch größere sechszügige Gesamtschule mit gymnasialer Oberstufe und zwei Mehrfeldsporthallen? Ganz einfach: Die Schülerschaft einer sechszügigen Grundschule wäre wahrscheinlich größer als die Einwohnerzahl Landkirchens – und die einer sechszügigen Gesamtschule wäre wohl locker so groß wie die Gesamteinwohnerzahl des „Landkirchener Kiezes“.
Und warum gibt’s nicht mehr Einkaufsmöglichkeiten? Weil auch das sich nicht lohnt. An dieser Stelle sei daran erinnert: Landkirchen hatte mal einen Supermarkt. Zuletzt war das ein SPAR-Markt. Will sagen, der machte schon dicht, bevor SPAR von EDEKA übernommen wurde. Danach war da ein Schlecker drin, meines Wissens in der westlichen Inselhälfte der einzige Drogeriemarkt überhaupt. Schlecker war ja die einzige Drogeriekette, die auch wirklich noch an den unmöglichsten Standorten Filialen hatte. Was aus denen wurde, ist hinlänglich bekannt. Dann gab’s da kurzzeitig Ernsting’s Family, aber auch das hielt nicht lange. Inzwischen ist die ganze Immobilie futsch, und an der Stelle gibt’s einen Fahrradladen und ein Eiscafé.
Leute, die nur die Großstadt kennen, können sich nichts von alledem vorstellen. Nicht die geringe Bevölkerungsdichte. Nicht die langen Wege zum Einkaufen, zur Schule usw. Nicht die geringe Dichte an ÖPNV-Linien und deren geringe Taktrate. Damit auch nicht die Abhängigkeit vom Pkw.
Übrigens ist genau das sogar schon Reportern auf die Füße gefallen. Gelegentlich begeben sich nämlich Exemplare dieser Spezies, die ihr ganzes Leben in Großstädten verbracht haben, aufs Land, um von der geringen ÖPNV-Dichte und der Abhängigkeit vom Pkw zu berichten. Natürlich fahren sie im Selbstversuch hin – nicht wie gewohnt im ICE, sondern im Überlandbus, nur eben mit demselben Takt wie eine ICE-Linie. Und dann erst erfahren sie am eigenen Leib, wie kacke es wirklich ist, die eine oder andere Stunde auf die einzige Buslinie zu warten, die in der Gegend fährt.
Allerdings haben Journalisten meistens genügend gesunden Menschenverstand, um zu begreifen, warum sich in diesen Anhäufungen von Einfamilienhäusern ein monströses Netz aus Buslinien im 10-Minuten-Takt nicht lohnt. Oder vielleicht haben sie einfach nur den Vorteil, gerade vor Ort in der Wallapampa zu sein, die Landluft zu atmen und die Stille zu hören, während der typische Social-Media-Metropolit mit seinem iPhone entweder in seiner Großstadtwohnung oder bei Starbucks sitzt und über etwas schreibt, was er überhaupt noch nie in natura erlebt hat.
Eins sei allerdings noch erwähnt: Die Provinz ist eigentlich prädestiniert für Elektromobilität. Hier jammern Großstädter immer über den Mangel an öffentlichen Ladesäulen. Der Provinzbewohner lacht kurz laut und installiert sich dann die eine oder andere Wallbox und auf seinem Hausdach Solarzellen. Der wohnt nämlich mit sehr großer Wahrscheinlichkeit eben nicht in einer Mietwohnung, sondern in einem Einfamilienhaus mit Garten und eigenen Stellplätzen für mehrere Autos und allem anderen Schickimicki.
Und gerade Fehmarn ist berühmt für seine vielen Sonnenstunden; wenn sich also Photovoltaik irgendwo lohnt, dann da. Im Grunde könnte man neben dem Fehmarnsundtunnel noch eine Röhre bohren für eine Hochspannungsleitung, die bis nach Bayern geht.
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