Städte zu Weihnachten, was verschwand und was blieb (CW: Weihnachten, Traditionen, Religion, Alkohol, Essen, Fleisch/Tierprodukte)
Als ich vorhin durch Burg spaziert bin, ist mir aufgefallen: Die früher obligatorischen Weihnachtssterne sind verschwunden.
Die kenne ich noch aus meiner frühen Kindheit. Ein Metallgestell, mit grünem Tannenzweigimitat umgeben, das einen Stern mit Schweif darstellen sollte, quasi wie der Stern von Bethlehem, der ja eigentlich ein Komet war. Rundum waren handelsübliche matte Glühbirnen angebracht. In der Mitte des Sterns selbst war ein unverkleideter Metallring, der das Ganze stabilisierte.
Mit dem Schweifende wurden sie an viele Straßenlaternen angehängt. Einige kleinere Geschäfte hatten einen, die meisten waren groß genug für zwei, manche hatten gar drei. Und bei Olderog über dem Eingang hing jahrzehntelang ein Spezialstern in einer ähnlichen Bauweise, aber sehr viel größer mit gleich vier Reihen von Birnen im Schweif.
Okay, perfekt waren sie nicht. Die Sterne leuchteten ja nicht 24 Stunden durch. Die wurden immer mal aus- und wieder eingeschaltet. Und Glühfäden mögen das nicht. So war es nicht unüblich, bei diesen Sternen durchgebrannte Birnen zu sehen, die zwischendurch nicht mal ausgewechselt wurden. Oder irgendjemand, der einen Stern am Laden hatte, hatte in der Größe nur klare Birnen auf Vorrat, und dann hatte der Stern eben ein paar klare Birnen mit drin.
Vor einigen Jahren wird dann jemand befunden haben: Die sind nicht mehr „politisch korrekt“. Oder ganz einfach zu teuer im Betrieb. Immerhin dürften da locker anderthalb Dutzend Birnen dran gewesen sein; ich meine, mich erinnern zu können, mal 17 gezählt zu haben. Selbst wenn das profane 25-Watt-Funzeln gewesen waren, wären das pro Stern mal eben 425 Watt gewesen. Olderogs Riesenstern dürfte sich den 700 Watt angenähert haben. Vielleicht ist der auch deshalb schon vor längerer Zeit verschwunden.
Ein schlauer Mensch hätte vielleicht mal geguckt: Was gibt es an Energiesparlampen, die da statt dessen reingedreht werden können, ohne einen optischen Stilbruch zu verursachen? Eventuell gar auf LED-Basis?
Vielleicht hat man nichts Passendes gefunden. Vielleicht wären derartig viele Energiesparlampen zu teuer geworden. Vielleicht hat man auch „Energiesparlampe“ mit diesen Röhrendingern aus der Frühzeit der Energiesparlampen assoziiert. Statt dessen hat man zumindest von einigen Sternen die Fassungen gänzlich abgefriemelt und die äußeren Umrisse des Sterns einfach mit einer wetterfesten LED-Kette nachgezogen.
Das heißt, „nachgezogen“ trifft es eigentlich nicht ganz. So eine LED-Kette im Plastikschlauch hat ja einen Mindestbiegeradius. Das heißt also, an den Spitzen der Zacken und zwischen den Zacken war der Stern auf einmal abgerundet. Das sah aus wie gewollt und nicht gekonnt. Mit anderen Worten: kacke.
Die einzig gangbare Lösung dürfte also gewesen sein, auf die Sterne gänzlich zu verzichten.
Beim Gang durch Wohngebiete hatte ich den Eindruck, die Weihnachtsbeleuchtung ist etwas spärlich dieses Jahr. Als hätten viele gleich gar keine installiert aufgrund hoher Stromkosten. Oder als wären viele über Weihnachten im Urlaub, oder als wären immer mehr Wohnimmobilien selbst in Burg inzwischen reine Ferienhäuser. Zum Glück trügte der Eindruck, auch wenn die traditionellen Weihnachtspyramiden weniger geworden sind.
Ein klein wenig gewöhnungsbedürftig sind immer noch die warmweißen LEDs, die inzwischen sehr dominant sind. Zumindest ist man nicht bei den reinweißen LEDs stehengeblieben, die zum Anfang des LED-Hype als einzige Alternative noch die klassischen knallgelben hatten.
Zumindest Weihnachtsmärkte haben immer noch etwas sehr Traditionelles und Old-Schooliges an sich. Die sind nie durchmodernisiert worden.
Wer eins hat, kann z. B. immer noch ein Kinderkarussell aus den 60ern aufstellen, auf dem etliche Fahrzeuge noch original von damals sind, und das wird noch genutzt, etwa in Hamburg-Harburg. Gerade die älteren Fahrzeuge haben ja auch einen gewissen Spielfaktor mit manchmal einem Lenkrad pro Sitzplatz, damit es kein Gequengel gibt, wer am Steuer sitzen darf. Die Lenkräder sind völlig funktionslos, aber solange Kinder noch Fantasie haben und generell keinen Wert darauf legen, damit das Fahrzeug wirklich steuern zu können, ist das Wurscht.
Oder man gucke sich mal um, was es in den Buden so gibt. Das ist nie groß durchmodernisiert worden, völlig egal, wen was triggern könnte.
Da gibt’s den obligatorischen Grill, wo sich fast nur der Name der Thüringer Bratwurst geändert hat, die nicht mehr „Thüringer“ heißen darf, wenn sie nicht offiziell original thüringischer Herkunft ist. Da gibt’s natürlich die Heißgetränke, allen voran Glühwein, nach wie vor das, was auf jedem Weihnachtsmarkt sich am besten verkauft. Da gibt’s Schmalzkuchen, da gibt’s gebrannte Mandeln, da gibt’s Crêpes, wobei es da ab und an mal neue Varianten gibt.
Im Grunde ist es wie Jahrmarkt in etwas kleiner mit weniger Fahrgeschäften. Auch auf Jahrmärkten sieht man doch seit Jahrzehnten dieselben Buden, dieselben Fahrgeschäfte, allenfalls jetzt mit LED-Lampen in denselben alten Fassungen wie noch in den 80ern, 70ern, 60ern oder noch älter und vielleicht mal mit neuem Anstrich und Dekor.
Berg-und-Tal-Bahn geht immer – vor allem, wenn man verstanden hat, was es damit eigentlich auf sich hat. Kettenkarussell geht immer. Kinder-Riesenrad geht immer. Schießbuden und Losbuden gehen immer. Autoscooter gehen immer, und ich wage mal zu behaupten, die würden sogar mit Wagen aus den 70ern heute noch gehen, weil das ganze Konzept so schön old-school ist. Im Grunde könnte man heutzutage viele Fahrgeschäfte auf Jahrmärkten mit Oldies aus den 70er oder 80er Jahren beschallen, und das würde noch besser passen als aktuelle Chartsmusik.
Weihnachtsmärkte sind im Grunde sogar noch traditioneller, weil da die Buden alle schön mit Holz verkleidet sind. Das wirkt zwar nicht so old-schoolig wie Alu und Fiberglas an und in den alten Jahrmarktbauten, aber eben traditioneller und heimeliger, gerade in der beginnenden kalten Jahreszeit.
Letztlich kommen noch die selbstgemachten Produkte dazu, die es so auf Weihnachtsmärkten reichlich, auf Jahrmärkten dagegen gar nicht gibt. Gehäkeltes, hölzerne Weihnachtsdeko, Honigprodukte, Kerzen und so weiter, um so mehr, je größer der Weihnachtsmarkt ist. Nur Banausen gehen auf Weihnachtsmärkte, steuern da mit Scheuklappen zielstrebig den erstbesten Glühweinstand an, lackieren sich den Helm und gehen wieder nach Hause, ohne irgendetwas anderes auch nur wahrgenommen zu haben.
Kurioserweise habe ich noch nie gehört oder gelesen, man müsse dringend Weihnachtsmärkte komplett durchmodernisieren, auch im Sinne der Wokeness und Political Correctness – zwei Konzepte, die in Wirklichkeit der amerikanischen Alt-Right entstammen –, aber nicht nur.
Mal ehrlich: Diejenigen, die sich aufregen würden über Fleisch und Lederprodukte und Alkohol und Zucker und Lactose und Gluten und überhaupt Verkaufsstände und stromfressende alte Wechselstrommotoren in Karussells, die den umweltverpestenden motorisierten Individualverkehr mit Verbrennungsmotoren glorifizieren, und völlig unnötige Beleuchtung und kommerzielle und/oder „zu deutsche“ Weihnachtsmusik und überhaupt das ganze religiöse Thema daneben – diese Leute ignorieren und boykottieren Weihnachten doch sowieso komplett.
Für den Rest von uns bewahren Weihnachtsmärkte auf ihre eigene Art ein Stück „gute alte Zeit“ – die im Vergleich zur Gegenwart und zur absehbaren Zukunft wahrlich gut war.
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